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Sich selber belohnen, aber nicht mit zu großen Dingen

Lernen muss etwas einbringen um zu motivieren. Und nicht jeder kann die Motivation allein mit Hilfe der zumeist recht abstrakten und in der Ferne liegenden Möglichkeiten aufrecht erhalten. Also sollte zwischendurch eine Belohnung erfolgen. Dabei gibt es folgende Schwierigkeiten:

Mit diesen Ansprüchen stellen sich dann einige Fragen, auf die ich kurz eingehen werde.

Was soll mit der Belohnung erreicht werden?

Das vorranige Ziel ist eine Situation, in der es mehr Vorteile bringt weiterzulernen als einfach aufzuhören. Und diese Vorteile dürfen nicht nur theoretischer Natur sein oder in weiter Ferne liegen. Die Belohnung funktioniert nur dann, wenn sie mehr oder weniger sofort wirkt.
Eine sehr brauchbare Belohnung ist "sich gut fühlen". Die wird auch von den meisten Menschen mehr oder weniger bewusst genutzt, oft auch in der Form "das schlechte Gewissen beruhigen". Es ist halt angenehm, wenn man auf einen ganzen Berg erledigter Arbeit zurückblicken kann. Man sieht so den Fortschritt und weiß, dass man zumindest diesen Teil hinter sich hat. Je öfter man diese Situation erreicht, desto zufriedener kann man mit dem Lernvorgang sein.

Was soll denn überhaupt belohnt werden?

Das wäre letztendlich egal, wenn man nur oft genug durch eine Belohnung motiviert würde. Wichtig ist die Gegensituation zu vermeiden, also zuwenig belohnen. Denn dann kann man schnell zu der Überzeugung gelangen, dass sich der ganze Aufwand insgesamt nicht lohnt.
Also belohnt man am besten, dass man den ganzen Aufwand überhaupt auf sich nimmt. Nicht Du bekommst die Belohnung, weil Du die Aufgabe richtig gelöst hast, sondern Du bekommst die Belohnung, weil Du es weiterversucht hast, obwohl Du auch einfach hättest aufhören können.

Wer belohnt wen?

In der Regel ist es schwierig irgendjemand anderen dazu zu bringen, alle paar Minuten vorbeizuschauen und jedes mal eine Belohnung mitzubringen, solange man sich noch nicht vor den Fernsehen geknallt hat.
Gute LehrerInnen schaffen es anders die SchülerInnen für ihre aktive Teilnahme zu belohnen. Sie erreichen dies nicht durch das Verteilen von Zehn-Euro-Scheinen, sondern durch den Ausdruck ihrer Wertschätzung. "Klasse", "gut gemacht", "tolle Idee" sind Zauberworte, sofern sie ehrlich gemeint sind. So ziemlich alle Menschen werden gerne gelobt, auch diejenigen, die bei Lob rot werden oder einfach nur mit versteinertem Gesicht über der Situation zu stehen scheinen (wollen).
Und deshalb bietet es sich an, das mit dem angeblich stinkenden Selbstlob zu vergessen und sich zu jeder Gelegenheit für das Erreichte zu beglückwünschen: Ich habe es schon wieder geschafft mir eine halbe Stunde lang diesen trockenen Stoff anzutun, obwohl ich mich viel lieber draußen in die Sonne gesetzt hätte. Ich bewundere meine Disziplin.
Wem dies jetzt lächerlich vorkommt, der/die bedenke folgende Dinge:

  1. Das Ziel ist das Aufrechterhalten der Motivation über einen längeren Zeitraum mit realisierbarem Aufwand. Wenn man sich dafür eine rote Nase aufstecken muss, so ist das vollkommen in Ordnung. Der Zweck heiligt hier die Mittel. Und Spaß soll das Lernen ja auch machen.
  2. Die Forderung ist ja nicht, dass man sich vor der ganzen Welt in den Himmel lobt. Das würde vermutlich auch zu recht negativen Reaktionen führen. Die Selbstbeweihräucherung soll ruhig im Stillen stattfinden, dann sind bei den Lobpreisungen die Grenzen auch nur durch die eigene Phantasie gesetzt.

Wie soll die Belohnung denn dann aussehen?

Also: Sie soll häufig erfolgen, direkt greifbar sein, an das Weitermachen gebunden sein, unabhängig von anderen und leicht zu realisieren sein. Folgender Vorschlag:
Man plane kurz, was man in den nächsten Stunden erreichen will. Dann unterteilt man diese Planung zuerst inhaltlich, dann zeitlich in immer kleinere Häppchen, bis man so kleine Einheiten hat, dass man eine davon im Rahmen der eigenen Konzentrationsgrenze schaffen kann. Für jede der kleinen Einheiten legt man einen kleinen Stein, einen Cent o.ä. (aber nichts Essbares) auf einen Teller.
Dann fängt man mit der ersten Einheit an, ohne sich groß Gedanken über die späteren zu machen. Am besten vergisst man die ganze Planung kurzfristig. Am Ende der Einheit legt man nun einen der Steine/Pfennige oder was auch immer von dem Teller auf einen zweiten und legt eine kurze Pause ein, in der man dann wild phantasieren darf:

Ich bin ja beeindruckt, dass ich mich einfach hinsetzen und anfangen konnte.
Für einen ersten Versuch war das aber schon gar nicht schlecht
Ich habe zwar kein Wort verstanden, aber es trotzdem durchgezogen. Wenn ich so weiter mache stellt sich der Durchblick auf Dauer fast von selber ein.
Was ich hier mache ist ganz schön clever.
Und wieder bin ich dem Nobelpreis einen Schritt näher gekommen.
Gerade jetzt arbeiten die Neuronen in meinem Gehirn wie verrückt und ordnen das gerade aufgenommene zu tollen neuen Ideen.
Nach einer solchen Pause fühlt man sich in der Regel gut :-)

Erst dann denkt man an die zweite Einheit, und auch nur an diese. Das ganze Spiel von vorne.
Im Laufe der Zeit wandern immer mehr Steine/Münzen von einem Teller zum anderen und machen den Fortschritt sichtbar. Als zusätzliche Motivatoren kommen dann der Ehrgeiz den ersten Teller leer zu bekommen und das in erreichbare Nähe rückende Großziel der erledigten Planung hinzu. Dazu muss die Planung natürlich halbwegs realistisch gewesen sein und darf nicht zu sehr an Ergebnissen, die man verfehlen könnte, festgemacht werden.

Die Belohnung ist also: Von sich selber gelobt werden und Pfennige von einem Teller auf den anderen legen. Es ist übrigens sehr wichtig, dass man das wirklich macht, also wirklich solche selbst belobigenden Sätze, wenn auch leise, formuliert und wirklich die Pfennige bewegt. Auch wenn das für die Realwelt keine Bedeutung hätte, es fühlt sich gut an, wenn man die Pfennige bewegt, man hört es gerne, wenn man gelobt wird. Der Sinneseindruck ist wichtig.

Fallstricke:

Viele verwechseln Schonung mit Belohnung. Es ist keine Belohnung ins Kino gehen zu dürfen, wenn man sich es erst verbieten musste, um daraus überhaupt eine Belohnung machen zu können. Belohnungen sind echte Vorteile gegenüber dem Normalfall, nicht nur gegenüber einer künstlich verschlechterten Situation.
Wer solche Pseudobelohnungen einsetzt schadet damit dem ganzen Lernen. Denn es ist klar, dass diese unangenehme Realitätsverzerrung, praktisch eine Strafe, nur deshalb existiert, damit man von einer Belohnung sprechen kann. Damit ist auch klar, dass es ohne das Lernen insgesamt angenehmer wäre. Man hat also schlicht noch einen neuen Grund dazu erfunden, warum man sich besser nicht mit Lernen beschäftigen sollte. Der Schuss geht also nach hinten los.

last changed 2011-03-13; last revision 2005-02-25 © memomo